Poesie, die Liebe und die Gärten
Shiraz – Wir verbrachten mehrere Abende im Hafezieh, dem Denkmal für den Dichter Hafez *. Die Verehrung, welche die Iraner seinem Andenken entgegenbringen hat mich sehr berührt. Manche versinken für einige Zeit mit geschlossenen Augen in einem Zwiegespräch vor dem Sarkophag, die meisten wollen den Stein mit den Fingerspitzen berühren, einige lassen sich dabei fotografieren. Es liegen Blumen auf dem Sarkophag.
Im Park picken Wellensittiche Hafez-Zitate aus Kästchen als Wahrsagerei (ich hab auch zwei, muss sie mir aber noch übersetzen lassen), und die Texte der Musik, welche über Lautsprecher gespielt wird sind natürlich auch von Hafez. Hafez ist der Dichter der Liebe, hat man mir gesagt, und dass man sich nicht einig sei, ob die Liebe der Menschen zu ihresgleichen gemeint sei oder diejenige der Menschen zu Gott. Hafez wird in den Schulen gelernt, Hamid und Moshtaq haben mir je zwei Verse aufs Band gesprochen.
In Shiraz liegt noch ein zweiter grosser Poet begraben: Sa’adi **. Sein Grabmahl liegt am Hügel in einer ärmeren Gegend. Gegenüber Sa’adis Sarkophag ist ein Foto ausgestellt, das einen blinden Mann zeigt mit etwas zerzaustem Bart, aber alle bestreiten, dass Sa’adi blind gewesen sei. Der Garten ist wunderschön, neben dem prachtvollen Grabmahl entspringt eine Quelle (die in einem ebenfalls prachtvollen Gebäude gefasst wird) und die Menschen lassen im Pool davor Blütenblätter schwimmen…
Der Park ist DER soziale Ort im Iran, im Gegensatz zur Strasse. Dies war eine der grössten Überraschungen für mich. Sobald die Hitze abnimmt strömen die Menschen in die Gärten. Familien breiten ihre Teppiche aus zu Picknicken und die Jugend spaziert in kleinen Gruppen auf und ab, gelegentlich sieht man auch junge Paare auf einer Bank sitzen. Es ist einfach, hier mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Meistens gibt es auch ein kleines Teehaus – im Gegensatz zur Stadt, wo von einer Teekultur wie in der Türkei nicht die Rede sein kann. Viele Teehäuser wurden von der Regierung geschlossen und andererseits ist der Beruf des Teehausbetreibers auch nicht gerade angesehen, sagte mir Hamid, der Teppichhändler in Isfahan. Ein guter Beruf ist Ingenieur.
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* Hafez (Chadsche Schams al-Din Mohammad Hafes’e Schirazi) lebte von ca. 1320-1390 in Shiraz. Sein berühmtestes Werk ist der “Diwan”, eine posthum zusammengestellte Sammlung von ca. 500 Gedichten (Ghaselen), welcher Goethe zu seinem ost-westlichen Diwan inspirierte. Der Begriff “Hafez” selbst bezeichnet jemanden, der den ganzen Koran auswendig rezitieren kann. Hafez wird auch Hafes oder Hafis geschrieben, Hafez ist die Transkription ins englische, Hafis entspricht auf deutsch am ehesten der Aussprache.
** Sa’adi (Moscharraf od-Din Abdullah) lebte ca. 1207-1291 in Shiraz. Seine bekanntesten Werke: “Golestan” (der Rosengarten) und “Bustan” (der Obstgarten)







