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Epilog – Rückkehren

Der internationale Flughafen von Teheran heisst “Imam Khomeini International Airport”, steht etwa 1 Taxifahrstunde vom Zentrum entfernt in der Pampa und verfügt über ein einziges Terminal mit zwei Kaffeterias im Transitbereich. Er ist recht neu und modern gebaut, die Gepäckkontrolle ist geschlechtergetrennt. Es ist ein sehr eigenartiger Ort: hochmodern mit internationalen Ambitionen, doch ein Orbit-Aussenposten des Landes, nur einer winzigen Elite zugänglich, eine Kapsel in der sich die Luft von drinnen und draussen mischt. Es muss dort eine komplizierte Anlage für den Druckausgleich geben. Bei meiner Ausreise bin ich dankbar dafür – ohne die Geschäftsreisenden mit ihren Laptops hätte ich an der Wahrscheinlichkeit meiner “normalen” Existenz zweifeln müssen und hätte mich wirklich gefürchtet, in diesem unwirklichen Alptraum gefangen zu sein und nie mehr zurück zu können wonach ich solche Sehnsucht hatte: in ein selbstbestimmtes (Frauen)Leben, in einen Beruf, den es hier nur im Untergrund gibt, in meine eigene Wohnung.

Kaum sass ich im Flugzeug an meinem Platz, klappte ich erleichtert und etwas trotzig meinen Schleier herunter. Ich war nicht die einzige. Der junge Mann neben mir fängt gleich darauf an mit mir zu plaudern – er fliege nach London, er wolle dort Städtebau studieren, er habe in Teheran schon Architektur studiert. Momentan mache er einen Sprachkurs, um Englisch zu lernen und sein Aufenthalt werde von seiner Familie finanziert. Ich bin etwas irritiert über die plötzliche Umkehrung der Sitten – hätte er mich mit Kopftuch auch angesprochen? Es ist schizophren, und ich bin auch etwas schizophren geworden: am Flughafen in Dubai ziehe ich meinen Manteau aus, aber zu meiner Überraschung bleibt das Gefühl der Befreiung aus: mir ist die plötzliche Sichtbarkeit meines Körpers unangenehm – mein T-Shirt hat keinen nennenswerten Ausschnitt, aber es ist figurbetont geschnitten und ich fühlte mich unwohl darin – ich gehe nochmals durch die Verunsicherung der Pubertät.

Das Glück überwältigt mich dann doch noch in meiner Wohnung. Seit ich zurück bin fühle ich mich stärker als zuvor. Ich geniesse die jungen Frauen, die ungeniert ihre Persönlichkeit hervorkehren, ich geniesse ihre Individualität und ihre Selbstsicherheit. Ich geniesse es Fahrrad zu fahren. Ich geniesse es, allein durch die Stadt zu gehen und sichtbar zu sein. Am meisten geniesse ich, dass dies alles selbstverständlich ist. Und ich geniesse es, zu Arbeiten.
Als ich in der Stadt einer verschleierten Frau begegne (eigentlich begegne ich einem Mann in Begleitung seiner Frau, muss ich richtigstellen) bin ich nur erleichtert, dass mich das nicht mehr betrifft.

Body Politics

Es fing im Flughafen Dubai an, am Gate für den Flug nach Teheran. Ich hatte mein Mäntelchen schon angezogen, das Kopftuch noch in der Tasche und fühlte mich etwas beklommen. Blicke gingen durch den Raum, man versuchte sich gegenseitig einzuschätzen: eine Gruppe japanischer TouristInnen, welche sich total unbefangen gab. Ansonsten Geschäftsreisende, Paare, erweiterte Paare (Männer mit einigen Frauen, wahrscheinlich Schwestern/Schwägerinnen/Ehefrau/Töchter), einige junge Männer, neben mir eine ältere Frau, die sich gemächlich für den Iran einpackte. Kaum eine Frau trug ihr Kopftuch, die meisten hatten es als Schal um den Hals gelegt. Beim Anstehen zum Boarding sprach mich ein etwas jüngerer Mann an, währenddem er versuchte, sich an mir vorbeizudrängen: ob ich auch nicht vergessen hätte, einen Schal zu kaufen? Ich antwortete giftig “of course not” und blitzte ihn wütend an: was geht es ihn an? Ist er etwa die Polizei? Fühlt er sich für meine Moral verantwortlich?

Das war der Anfang der unheimlichen Transformation meines Körpers in etwas Gefährliches und – eigenartiger Umkehrschluss – deswegen Gefährdetes. Doch was oder wen mein Körper gefährdet, habe ich nicht verstanden: die Männer? Die haben sich nicht gefürchtet vor mir, schon gar nicht jener, welcher mir vom Motorrad herunter herzhaft an den Arsch gegriffen hat, auch nicht jener, der mir mit einer obszönen Geste zu verstehen gab, was er von mir wünschte, würde ich nicht im abfahrenden Bus sitzen. Solche Dinge sind nicht nur mir passiert, praktisch jede ausländische Frau kann davon erzählen und es gibt heftigere Stories als meine.

Ich fühlte mich gedemütigt, erstens durch den Übergriff selber, zweitens weil ich mich all den in meinen Augen unsinnigen Vorschriften unterworfen hatte im Glauben daran, dass ich dies einer fremden Kultur schuldig sei und dass es mich – und das ist das naive daran – im Gegenzug schützen würde. Davon ist nichts geblieben ausser dem Gefühl, schikaniert zu werden und daraus entstand ein Misstrauen und eine köchelnde Wut, die im Zaun zu halten mich viel Kraft gekostet hat.

Es waren durchwegs junge Männer, Teenager fast noch, und ich fing an ihnen aus dem Weg zu gehen. Und meine Gedanken bei all den zweifellos ernst gemeinten guten Wünschen, der Freude über unseren Besuch, die uns überall entgegengebracht wurde, bekamen einen zynischen Unterton. “Very nice, very beautifull, yes, yes, bring your money, bring your ass.” Ich weiss es war gemein, aber es verschaffte mir etwas Luft. Die Kluft zwischen der den Frauen mit der Kleiderordnung aufgebürdeten Verantwortung für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Anständigkeit und deren Ohnmacht gegenüber der tatsächlichen Respektlosigkeit war schwer zu ertragen für mich.

Der Hejab: die iranische Kleiderordnung schreibt vor, dass Frauen (= Mädchen ab dem 9. Lebensjahr) ihren Körper verhüllen und ihre Haare bedecken müssen. Das bedeutet je nach geografischem, sozialem und kulturellem Kontext verschiedene Dinge: je konservativer und älter die Frauen, desto weniger ist von ihnen zu sehen. Junge Frauen gehen wesentlicher offensiverer damit um. Auf dem Land gibt es gebietsspezifische Sitten (in Gilan tragen die alten Frauen einen dunkelblauen, geblümten Tschador über gemusterten Kleidern) und volksspezifische Gebräuche (die Nomadinnen tragen bunte Hosen unter dem manchmal ebenfalls bunten Tschador; eine Zaraoster-Frau trug einen lichten, durchscheinenden leuchtendgelben Tschador über einem hellen kurzärmligen eher engen T-Shirt und einem Rock, sie hatte auch eine laute Stimme und ein herzhaftes Lachen).

Sahar (2.v.l.) und ihre Schwester und eine Freundin (2. und 1.v.r.), Shiraz

Sahar (2. von links) und ihre Schwester und eine Freundin (2. und 1.v.r.), Shiraz

Antipoden: Einheimische Touristenfamilie in Persepolis (Bild: Pius Niederberger)

Antipoden: Einheimische Touristenfamilie in Persepolis (Bild: Pius Niederberger)

Die Frauen in öffentlichen Ämtern tragen schwarz und kein Haar ist sichtbar. Die Polizistinnen tragen dasselbe in dunkelgrün und Fernsehmoderatorinnen und Nachrichtensprecherinnen in anderen gedeckten Tönen wie braun oder ocker. Geschäftsfrauen tragen ebenfalls konservativ schwarz oder grau, oft aber einen Manteau und ein vorgenähtes Kopftuch, welches aussieht wie der Kopfteil des Tschadors und bis auf die Schultern reicht.

Marzieh Vahid-Dastjerdi, die neue Ministerin für Gesundheit, im offziziellen Gewand.

Marzieh Vahid-Dastjerdi, die neue Ministerin für Gesundheit (Bild: Reuters)

“Die Frauen mögen es nicht, aber es ist gut für sie”, sagte der Polizist in Teheran darüber zu meinem Bruder und ich war froh, war ich bei dem Gespräch nicht dabei, wie hätte ich diese Kröte schlucken können. Die zwei jungen Frauen, mit denen ich mich unterhielt wollten wissen, wie die Hejab-Vorschriften für mich sei. Ich sagte: “Ich mag sie nicht, aber man gewöhnt sich dran.” Sie lachten: “Genau wie wir!”

Die Haushälterin hängt unsere Wäsche zum Trocknen auf die öffentliche Terrasse neben dem Restaurant in Masuleh. Sie knöpft gerade das Männerhemd zusammen, damit es nicht davonfliegen kann und die darunter aufgehängte Frauenunterwäsche entblösst. Die Männer-Shorts daneben sind dagegen harmlos.

Die Haushälterin hängt unsere Wäsche zum Trocknen auf die öffentliche Terrasse neben dem Restaurant in Masuleh. Sie knöpft gerade das Männerhemd zusammen, damit es nicht davonfliegen kann und die darunter aufgehängte Frauenunterwäsche entblösst. Die Männer-Shorts daneben sind dagegen harmlos.

Ich hatte vor der Hinreise nach langem Suchen ein Schürzenkleid aus schwarzem Leinen gekauft, etwas zu gross damit es nur nicht anliegt, aber doch einigermassen kleidsam. Das zweite kaufte ich mir in Teheran nach ebenfalls langem Suchen (nicht wegen mangelndem Angebot, sondern wegen der angebotenen Qualität) und habe es auch in Teheran im Schrank des Hotels zurückgelassen: ich brachte es nicht über mich, ein dermassen ungeliebtes Kleidungsstück mit nach Hause zu nehmen.

Es war ungeliebt wegen der darin verkörperten Ideologie, aber auch weil es für die im Sommer herrschenden Temperaturen  um die 40 Grad wirklich unangenehm wird (was tun die Leute, wenn eine Frau einen Hitzekollaps hat?), und das tägliche Waschen der verschwitzten Kleider im Waschbecken des Hotelzimmer uns jeden Abend an unseren Status erinnerte.
Es bedeutete auch, dass wir in der Siesta Nachmittags in Unterwäsche im Hotelzimmer herumlungerten und wenn der Roomservice den Tee brachte, wir Frauen uns im Bad versteckten um nicht all die Kleiderschichten wieder anziehen zu müssen: eine unheimliche Regression ins kichernde Kleinmädchentum.

der Manteau zu trocknen aufgehängt

der trocknende Manteau im Hotel in Teheran

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Die Geschichte ist zwiespältig: Shah Reza verbot die Verschleierung der Frauen, gleichzeitig war seine Gesetzgebung aber sehr zum Vorteil der Männer.
Aus der Fotoausstellung im Arg e Kharim Khan, Shiraz. Man beachte das Unbehagen der Frauen und das Selbstbewusstsein der Männer:

the ceremony of removing the coverings, 1937

the ceremony of removing the coverings, 1937

Frauenrechte im Iran, sehr ausführliche Erläuterungen: http://en.wikipedia.org/wiki/Women%27s_rights_in_Iran
Frauenrechtsbewegung im Iran:http://en.wikipedia.org/wiki/Women%27s_rights_movement_in_Iran

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Anmerkung: nachdem ich mich lange für meine starken Emotionen zu dem Thema geschämt hatte, habe ich beschlossen, dies nicht mehr zu tun. Ich bin wütend, und ich weiss warum.

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