Streamt besser! Teil 1: Medialität des Streamings

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Eine Replik zu Uwe Mattheiss: „Hört auf zu streamen“, TaZ, 9.4.2020. https://taz.de/!5677513/

09.04.2020

Habt ihr schon Streams von Konzerten, Opern, Talks, DJ-Sets laufen lassen? Und wenn ja – wärt ihr sonst zum Konzert, zur Oper, zum Talk oder in den Club gegangen? Hand auf’s Herz!

Die Corona-Krise hat die kulturelle Landschaft verändert. Organisationen wie das Opernhaus Zürich, das noch vor einigen Jahren ein Künstler-Kollektiv wegen Telefon-Übertragung einer Oper verklagte [1], bietet jetzt Streaming von Aufführungen an. Ist da tatsächlich etwas Substantielles passiert? Ist das Opernhaus Zürich inzwischen auch für Kultur für alle – oder ist es doch eher ein bitte-vergisst-uns-nicht-unterdessen? Wir werden es sehen, wenn der Pandemie-Lockdown vorbei ist.

Was dieser Lockdown und seine Überfülle an Kulturangebot im Internet aber zeigt, ist wie eingefahren und unflexibel unsere Vorstellung von Kunst und Kultur ist. Kaum wird notgedrungen ausserhalb jahrhundertalten Formen experimentiert, kommen schon die Kritiker und schreien „Mimi – der Dreck! Mimi – Materialität!“ Was sie damit meinen ist die Einheit von Form und Inhalt, die Tatsache dass Medialität immer auch Einfluss hat auf das Werk. Darum funktioniert Theater eher selten im Radio, und wie wir alle wissen, ist ein Live-Konzert nicht dasselbe wie die Studioaufnahmen (und das kann für oder gegen das Live-Konzert sprechen). So gut wie richtig. Aber der Unterschied ist nicht schwarz/weiss. Das Theater wie wir es heute kennen, kommt aus der Tradition des Erzähltheaters, wo vorbestehende Stoffe interpretiert werden, auf der Bühne neu erzählt. Im 20. Jahrhundert hat sich hier viel geändert, hin zu einem performativen Verständnis von Aufführung, wo anerkannt wird, wie wichtig das Publikum vor Ort ist, und in den ganz radikalen Formen des post-dramatischen Theaters, wo nichts mehr erzählt wird, sondern die Theater-Erfahrung direkt aus der jeweiligen Situation heraus produziert wird. Dieselbe Spannweite kann man auch für die Musik aufmachen: es gibt Musik, die kann / will überall funktionieren. Und es gibt welche, die will genau das nicht, sondern zielt auf ein situationsabhängiges Erleben. Und natürlich gibt es das auch für die bildende Kunst, hier gibt es von innerhalb des Rahmens abgeschlossene Werke bis zur Orts- und Zeit-spezifischen Installationen und Aktionen alles.

Diese Bandbreite von Medialität sind im besten Fall bewusste Setzungen, im schlechteren Fall sind sie einfach irgendwie so passiert bzw. Konventionen. Wenn wir jetzt ansehen, was unter dem Covid-19 Lockdown alles ausprobiert wird, so sehen wir oft und schnell den Bruch mit den Konventionen. Und das stört viele Kulturprofessionals zuerst einmal. Aber erstens hat ja auch niemand behauptet, dass diese Streamings vollwertiger Ersatz sind für die Aufführungen. Und zweitens, was ist mit den positiven Nebeneffekten? Könnte es sein, dass einige von uns sich seit Jahren wiedermal eine Oper angehört haben, die das Opernhaus sonst nicht auf der kulturellen Landkarte haben? Was ist so schlimm daran, wenn Menschen Zugang bekommen, die sonst nicht hingehen würden – und noch extremer: könnten? (Es gibt neben den kulturellen und ökonomischen auch noch andere Gründe, warum man nicht in Kulturinstitutionen gehen kann: chronische Krankheiten etwa, die Unverträglichkeit von Menschenmassen mit dem neuronalen Spektrum, Betreuungspflichten (hello single parents!), oder Gebrechlichkeit, vielleicht ist man aber auch in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt – im Strafvollzug, im Asylvollzug…).

Was diese Transfers in den digitalen Raum zeigen, sind zwei Aspekte von Kunstgenuss: einerseits und zuallererst sind es Versuche, die Kunst zugänglich zu halten, auch wenn die Institutionen geschlossen sind. Es sind also wie neue Fenster in den ehrwürdigen Häusern, ruckzuck in zwei Wochen rausgerissen, und natürlich hat es dafür nicht zuerst ein Architekturwettbewerb mit erlesener Jury gegeben.

Zweitens, tangiert das selbstverständlich den formalen Aspekt der Medialität. Wie gesagt, Medialität ist ein grosses Spektrum zwischen konventioneller Formatlität und bewusster Form. Ja, gestreamte Kunst muss nicht grossartig medial funktionieren, es kann sogar richtig in die Hose gehen. Was aber umgekehrt nicht bedeutet, dass alle Kunst, die nicht gestreamt oder sonstwie digital zugänglich gemacht wird, automatisch medial bewusst funktioniert.

Und nun zum letzten Punkt. Was in dieser Debatte immer, und ich sage IMMER! vergessen geht, ist dass es tatsächlich eine Kunstgattung gibt, die sich seit Jahrzehnten mit genau diesen Fragen (Zugänglichkeit und Medialität von Kunst) beschäftigt, hauptberuflich sogar. Sie heisst Medienkunst. Wenn wir uns jetzt über Live-Streaming freuen, weil es uns ermöglicht, unsere Liebsten zu sehen und mit Freunden zu Abend zu essen, dann glauben die meisten, dass dies Zoom erfunden hat (die älteren unter uns glauben es war Skype). Dabei waren es Künstler*innen: Kit Galloway und Sherrie Rabinowitz bewerkstelligten 1980 (!!) die erste Live-Schaltung quer durch die USA im öffentlichen Raum. Ihre Arbeit „Hole in Space“ ermöglichte es, dass sich Menschen in LA und NY in Echtzeit auf der Strasse gegenüberstehen und interagieren konnten.

http://www.medienkunstnetz.de/works/hole-in-space/
https://www.youtube.com/watch?v=SyIJJr6Ldg8

Auch das gemeinsame Essen ist keine Erfindung der Gegenwart: „TeleMaticDinnerParties“ ist ein Format, das Essen mit Telepräsenz verbindet. Entwickelt von Jeff Mann und Michelle Teran, ab 2001.

https://newmergence.wordpress.com/2015/02/13/telematic-dinner-party-dining-together-from-afar/

Diese Beispiele sollen nun nicht die Erfahrungen und Experimente der Gegenwart abwerten, sondern ich möchte damit zeigen, dass es schon seit langem künstlerische Praktiken gibt, die mit technologischen medialen Mitteln bewusst arbeiten. Hier liegt ein grosser Schatz an Imaginationen und Erfahrungen, die für die Experimente der Gegenwart äusserst hilfreich sein könnten, müssten, ja sollten!

Und dabei sollte man immer bedenken: auch diese Experimente in der Frühzeit der Medienkunst haben nicht gleich auf Anhieb geklappt, bzw. wurden überhaupt erst denkbar und machbar vor dem Hintergrund einer langen künstlerischen Tradition der Avantgarde, die sich nicht scheute, traditionelle institutionalisierte Kunstbegriffe, Künstlerbegriffe und Werkvorstellungen herauszufordern und Neues zu wagen. Diese angriffige Experimentierlust wurde natürlich vom etablierten Kunstbetrieb nicht wirklich geliebt (so ist die Medienkunst auch 2020 noch marginalisiert und wird institutionell stiefmütterlich behandelt). Was wir jetzt tun können, ist diese Experimentierlust zu feiern, und die Medienkünstler*innen in uns und in unseren Kolleg*innen zu stärken.

Was wir jetzt gerade erleben, ist eine zwar notgedrungene, aber trotzdem respektable Experimentierphase, eine grossartige Zeit, in der die Konventionen des Hochkulturbetriebes mal ausgehebelt werden, und andere Imaginationen sichtbar werden können. Wir sollten diese bestärken, und nicht für die Tatsache shamen, dass sie gerade Erfahrungen machen.

Darum, in Anlehnung an Samuel Becket: „Stream. Stream again. Stream better“. Es gibt nichts zu verlieren ausser die Zukunft.

Teil 2: Die Politik des Streamens

[1] !Mediengruppe Bitnik: Opera Calling, 2007. https://wwwwwwwwwwwwwwwwwwwwww.bitnik.org/o/

Titelbild: Galloway / Rabinowitz: Hole in Space, 1980

Dieser Text wurde ursprünglich als Facebook-Notiz veröffentlicht: https://www.facebook.com/notes/shusha-niederberger/h%C3%B6rt-ja-nicht-mit-dem-streamen-auf-streamt-besser/10156699063521230/