Streamt besser! Teil 2: die Politik des Streamings

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11.04.2020

Worauf ich in meiner ersten Replik zum TAZ-Text nicht eingegangen bin, ist die Frage was Streaming ökonomisch für Künstler*innen bedeutet. „Kunst ist zwangsläufig eine Ware“, sagt der Autor. Mag sein, aber das ist nur die halbe Wahrheit.

Denn die kulturelle Ordnung der Gegenwart ist komplizierter. Kunst ist zwar AUCH eine Ware, aber sie ist AUCH Gemeingut. Wir haben die öffentlich finanzierten Kulturinstitutionen wie Museen, Konzert- und Theaterhäuser, aber auch Ausbildungsplätze und Förderinstrumente nicht, weil wir in irgendeiner undefinierten Vergangenheit mal grosszügig waren (das ist die Phantasie der Rechten), sondern weil Kultur – wie Wissen – sich nur entwickeln kann, wenn es Zugang dazu gibt. Kultur baut auf Kultur auf.

Kunst und Kultur haben daher ein doppelseitiges Wesen: sie sind gleichzeitig essentiell Gemeingut (weil sie alle Kultur der Vergangenheit in sich tragen und Teil der Kultur der Zukunft sein werden), aber auch Ware. Und als Ware sind sie Eigentum von jemandem, und das heisst exklusiv, denn Eigentum macht nur Sinn, wenn es sonst niemandem anders haben kann, bzw. Zugang dazu hat (Eigentum kann auch zeitlich organisiert sein, v.a. in den performativen Künsten).

Das ist paradox. Aber wir verfügen über ein altes Instrument, um dieses Paradoxon zu organisieren: Copyright. Das Immateriagüterrecht hat seit seiner Entstehung in der Renaissance vor rund 600 Jahren die Aufgabe, zwischen den Interessen der Öffentlichkeit an der Weiterentwicklung von Kultur, Wissen und Technologie und den Interessen derjenigen, die diese Arbeit leisten zu vermitteln. Klingt gut, oder? Aus dieser Vermittlung ist aber ein mächtiger dritter Player entstanden: die Copyright-Industrie. Dazu gehören Vertriebe, Labels, Produktionshäuser und auch die Verwertungsgesellschaften. Ich komme auf ihre Rolle später zurück.

Und jetzt kommts: Digitalisierung! Was grundsätzlich passiert ist: Digitale Technologie macht es zum ersten Mal überhaupt möglich, materiell identische Kopien herzustellen, praktisch ohne Kosten. Und damit bedroht sie das Konzept des Originals, auf dem ein Teil der kulturellen Ordnung aufbaut. Und das ist wichtig: nicht die gesammte kulturelle Ordnung baut darauf auf, wie einem so oft von besorgten Kritikern und Verbänden erzählt wird, nein, nur der Warencharakter der Kunst ist auf das Original angewiesen, damit Dinge wie Eigentum, Wert und Markt funktionieren. Das Digitale ermöglicht aber, dass genau genommen jede Menge Originale gleichzeitig in Umlauf sein können (man spricht daher auch manchmal von der „ersten Kopie“, statt dem Original). Das Digitale hat quasi Kulturgüter in nicht-erschöpfende Resourcen verwandelt, das sind Dinge, die nicht weniger werden, wenn man von ihnen nimmt. Wie Tischlein-Deck-Dich.

Das Verhältnis von Gemeingut und Ware in Kultur hat sich also verschoben – zu Ungunsten der Ware. Die Copyright-Industrie hat daran gelinde gesagt wenig Freude. Sie reagiert mit anhaltend massivem Druck auf die Gesetzgebung, diese Praktiken des Teilens zu kriminalisieren, jede Überarbeitung der Urheberrechtsgesetze bringt uns neue Einschränkungen im Umgang mit digitalen Kulturgütern, aber ohne an der prekären Existenz der Künstler*innen etwas zu ändern. Darum ist es ist extrem wichtig zu unterscheiden: die Interessen der Copyright Industrie sind nicht notwendigerweise dieselben wie die der Künstler*innen. Künstler*innen werden kaum je gefragt oder gehört, sie sind meist argumentatives Kanonenfutter im ökonomischen Kulturverwertungskrieg.

Um jetzt auf das Streaming zurückzukommen: der Sorge, dass Streaming zur weiteren Prekarisierung der Künstler*innen führt, liegt also genau genommen die Annahme zugrunde, dass der öffentliche Charakter von Kultur nicht im Interessen der Künstler*innen liegt. Aber – ist das wirklich so? Sind Künstler*innen einfach so Einzelunternehmer*innen auf dem total deregulierten Aufmerksamkeitsmarkt? Sagen wir es so: das ist eine eher düstere Vision der kulturellen Ordnung. Und leider nicht ganz von der Hand zu weisen. Die unglückliche Vorreiterrolle nehmen hier die bildenden Künste ein:

Seit längerem hat sich die Kunstförderung schrittweise von der als „Giesskannenprinzip“ verunglimpften Breitenförderung von Kultur verabschiedet, und macht jetzt zunehmend „Leuchtturm“-Förderung. Was dabei ungesagt bleibt, aber schon zutiefst institutionalisiert ist: Wettbewerb. Bildende Künstler*innen werden durch ihre Laufbahn hindurch dauernd gegeneinander gepitcht, und müssen um lächerliche Summen von ein paar Wochengehältern gegeneinander zum DeathMatch antreten. Dabei haben alle denselben Aufwand: Dossiers zusammenstellen, Konzepte entwickeln, aber bezahlt werden nur ganz wenige dafür.

Liebe Kulturkritiker: der Grund der Prekarisierung der Kulturschaffenden ist die Einführung neoliberalen Ordnungsinstrumente, die Kulturgüter auf ihren Warencharakter reduzieren, und alles was Gemeinschaftlichkeit bedeutet, delegitimiert und rausstreicht. DAS ist das Wesen der Gig-Economy. Kulturschaffen ist kein StartUp. Ausbeutung und Prekarisierung ist ein strukturelles Problem. Dies nun indivuellen Künstler*innen als persönliche Verantwortung zuzuschieben, wie dies der Autor im TAZ-Artikel macht, ist nicht nur unfair – es Complicity.

Was ich in Teil eins schon versucht habe zu sagen: die Krise mit all ihrem Streaming hat Potential für eine Neubewertung des Gemeinschaftlichen in der Kultur, am deutlichsten bei Fragen von Zugang zu Kultur. Wenn wir es ernst damit meinen, müssen wir uns einem zweiten Phänomen des Digitalen zuwenden: der Internet-Ökonomie, spezifischer: der Plattform-Ökonomie.

Streaming ist grundsätzlich auf digitale Infrastruktur angewiesen. Und diese ist zum grössten Teil in privater Hand, meist in der von wenigen Techgiganten. Und das hat Auswirkungen: Künstler*innen geben für jeden Content, den sie auf Facebook, Instagram und Co. aufladen oder streamen, automatisch sämtliche Verwertungsrechte an diese Firmen ab. Ohne Verhandlungsbasis, ohne Abgeltung.Womit der Autor des TAZ-Artikels schon Recht hat: Streaming prekarisiert. Aber nicht so automatisch wie er behauptet, sondern nur unter der Vorannahmen, dass Plattform-Ökonomie eine gegebene Unausweichlichkeit ist. Und das ist sie eben nicht.

Dass Plattformen heute vor allem Ausbeutungsmaschinen sind (Uber, AirBnb, Amazon…) hat nichts mit dem Prinzip der Plattform an sich zu tun, sondern liegt in ihren zugrundeliegenden Businessmodellen (einer Kombination von Data-Extraction, Werbung, und Venture-Kapital). Alternativen Plattformen einfach dieselbe extraktive Logik zu unterstellen, ist schon fast bösartig, weil es jeglichen Versuch es besser zu machen, im Keim erstickt. Und es gibt einige Beispiele, wie man es besser machen könnte: seit nun auch schon mehr als einem Jahrzehnt gibt es die Bewegung der Plattform-Cooperativism. Die Idee dahinter ist, dass Plattformen an und für sich eine gute Idee sind, und dass man einfach gerechtere Formen von Trägerschaft dafür finden muss – z.B. Genossenschaften.

Wenn wir uns also die Frage nach der ökonomischen Existenz von Künstler*innen stellen, dann hat diese Frage direkt mit der kulturellen Ordnung zu tun, d.h. mit dem Verhältnis zwischen den zwei Gesichtern der Kunst: von Gemeinschaftlichkeit und Ware. Im digitalen Bereich hat diese Frage direkt mit Fragen von Infrastruktur und deren Betriebsgesellschaften zu tun. Denn wie gesagt, für die extraktive Ökonomie der grossen Plattformen ist Kulturproduktion gerade einfach Futter für ihre Datenmaschine wie alles andere auch, hier muss sich keine Illusionen machen.

Und hier kommen wir zum schwierigen Teil: Wenn wir etwas haben wollen, das über die (völlig legitime) Krisenbewältigung hinausgeht, dann müssen wir anfangen, die grundsätzliche Frage zu stellen: was ist mit der Gemeinschaftlichkeit der Kultur? Und diesen Fragen müssen an die Institutionen gestellt werden: Kulturinstitutionen aller Sparten: Museen, Aufführungshäuser, Festivals etc., dann natürlich auch der Kulturförderung, von ganz oben angefangen (Bund, ProHelvetia, Kantone, Stiftungen etc). Die Frage geht auch an die Berufsverbände aller Künste. Und sie geht eindringlich an die Verwertungsgesellschaften: Wie gedenkt ihr, die gemeinschaftlichen Aspekte von Kultur zu schützen und zu stützen?

Und im Digitalen brauchen wir dafür Infrastrukturen der Teilhabe, die z.B. Streaming ermöglicht, ohne dass Künstler*innen deswegen die eigene ökonomische Existenz gefährden.

Hört auf so zu tun, als wäre das ein Problem der einzelnen Künstler*innen. Es ist ein strukturelles Problem, also ein Problem der Künste als Ganzes, mit allen politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Dimensionen. Es ist deprimierend, aber wir stehen erst ganz am Anfang. Darum: Hört ja nicht auf zu Streamen. Streamt besser. Streamt politisch!


Titelbild: Telematic Dinner Party, Michelle Teran und Jeff Mann, ubermatic.org

Ursprünglich als Notitz auf Facebook veröffentlicht: https://www.facebook.com/notes/shusha-niederberger/h%C3%B6rt-ja-nicht-mit-dem-streamen-auf-streamt-besser/10156699063521230/