art

unreal overall (2004)

2004

unreal overall

unreal overall ist die Umarbeitung eines virtuellen Körpers in eine Hülle für den realen Körper.

Der virtuelle Kürper stammt aus einem Echtzeit-3D-Spiel. Es handelt sich um ein PlayerModel, ein Avatar. Spieler suchen sich vor dem Spiel ein PlayerModel aus, das sie während des Spiels in der virtuellen Welt repräsentiert – sie stecken beim Spielen in dessen virtueller Haut.

Die virtuelle Haut ist eine Abstraktion der Wirklichkeit. Der Schritt von der Wirklichkeit in den virtuellen Raum ist nicht nur eine Umsetzung von Körpermassen in geometrische Daten. Das PlayerModel wird im Spiel den Spieler repräsentieren, d.h. auch als soziales Zeichen funktionieren. Gute PlayerModels kommunizieren durch Gestalt, Haltung, Bewegung und Kleidung Charakter und Ausstrahlung. Was in der Wirklichkeit als Teil der Persönlichkeit des Individuums angesehen wird, is im Playermodel in Geometrie und Programmiersprache gegossen.

PlayerModels spiegeln auch kulturelle Vorstellungen über Geschlechtlichkeit. In einem Medium, wo potentiell alles möglich ist, beschränken sich die Frauenfiguren zum grössten Teil auf Busenwunder, Anime-Charakteren und Kämpferinnen. Letztere sind oft direkt von einer Männerfigur abgeleitet, d.h. einfach mit langem Haar und weiblicher Brust „aufgerüstet“. Becken- und Schulterproportionen verraten die Herkunft. Der virtuelle Körper ist demnach eine Konstruktion, in die jene kulturellen und sozialen Bilder, die unsere Realität strukturieren, eingearbeitet sind. Gleichzeitig machen die Grenzen der Hardware und der Verarbeitungsgeschwindigkeit eine rigoros reduzierte Formgebung notwendig. Abstraktion bezieht sich also nicht nur auf die Umarbeitung des Körpers in eine geometrische Figur, sondern auch auf die Vereinfachung – und deshalb tendenziell Karikierung – dieser Figur.

Der virtuelle Körper ist definiert über Punkte und deren Verbindungen im geometrischen Raum. Er ist grundsätzlich leer, er ist ausschliess Grenze: Aussenhaut. Die Haut ist nicht mehr organisch, sie dehnt sich vom Körper auf die Kleidungsstücke und Accessoires aus. Der virtuelle Körper fasst im Stiefel keinen Fuss, der Fuss ist im Stiefel aufgegangen, Körper und Kleidungsstück fallen zusammen.

Den unreal overall anzuziehen bedeutet, eine neue (technologisch vermittelte) Haut überzuziehen, und mit ihr die kulturellen und sozialen Bilder und die Ausformungen der Technologie auf den realen Körper zurück zu applizieren. Der unreal overall steht nicht für den Gegensatz von real und virtuell, sondern für die Gleichzeitigkeit, die gegenseitige Transparenz, Transfers und Wechselwirkungen.
Das Zusammenfallen von Kleid und Körper wird auf den realen Körper ausgeweitet, und wird zu einem Zusammenfallen mit seinem (möglichen) Avatar.

Wien, 2004

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Ausstellungen:
Kunstalle Wien, Project Space, 2004
Steirischer Herbst, 2004, Graz

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