Über Codes, Arbeit und Anerkennung – Crashkurs in Technofeminismus.

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Erschienen in: Fabrikzeitung, 29. Okt 2020:
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Wenn es um Frauen und Computer geht, reden wir meist von ihrer Untervertretung. Die mächtigsten Unternehmen sind heute Computertechnologiefirmen und deren Frauenanteil liegt zwischen 10% und 15%. Historisch betrachtet war das nicht immer so: In den 1960er Jahren war praktisch die Hälfte aller in der Programmierung tätigen Personen weiblich. Auch in der Frühzeit der Computertechnologie in den 1940er Jahren waren Frauen massgeblich an der Entwicklung beteiligt, vor allem im Bereich der Software. Selbst wenn sich inzwischen langsam ein Bewusstsein für die von Frauen geleistete Arbeit entwickelt – wie konnte es sein, dass diese Leistungen bis jetzt kaum Anerkennung bekamen?

Um diese Fragen anzugehen, reicht es nicht aus, die offizielle Computergeschichte zu studieren, denn in dieser Geschichte kamen Frauen bis vor kurzem gar nicht vor. Dass die Leistungen der Frauen inzwischen auch breiter bekannt werden, ist der Verdienst der feministischen Technologieforschung, vor allem der feministischen Social Studies of Technologies (STS). Die STS ist eine relativ neue Wissenschaft, welche die sozialen und kulturellen Bedingungen von Technologie untersucht. Sie entstand im Kontext der sozialen Bewegungen der 60er Jahre vor allem in den USA, ist aber heute international vertreten. Charakteristisch für die STS ist ein Perspektivenwechsel: Sie nimmt den Fokus vom konkreten technologischen Objekt und sieht sich den ganzen Herstellungs- und Gebrauchszusammenhang an. Dabei kommen überraschende Dinge in den Blick: Institutionen, Traditionen, Werkzeuge, Personalpolitik, Marketing, Vertrieb, Instandhaltung etc. Die Bedeutung von Technologie liegt also nicht im Objekt, sondern wird in vielfältigen Prozessen aller Beteiligten verhandelt. Diese Perspektive ist äusserst produktiv, um über die derzeitige Abwesenheit von Frauen in der Computerindustrie nachzudenken.

Die Abwesenheit einer Gruppe sei immer ein Hinweis auf Machtverhältnisse, sagt Judy Wajcman, die Grande Dame des Technofeminismus. Wenn wir uns die sozio-technische Geschichte der Computertechnologie anschauen, fällt die überraschend kontinuierliche Präsenz von Frauen in der Arbeiterschaft der Computerindustrie auf. Entgegen der geläufigen Computergeschichte waren die ersten Computer weiblich. Ein Computer war zuerst einmal keine Maschine, sondern ein Beruf, der ab Mitte 19. Jahrhundert zunehmend von Frauen ausgeübt wurde. Die Frauen berechneten von Hand mathematische Tabellen für trigonometrische und logarithmische Funktionen, die für die Navigation von Schiffen und Flugzeugen gebraucht wurden. Das galt als niedere Arbeit, sie war repetitiv und rein ausführend und stand am untersten Ende der männlichen Befehlskette. Dies ist typisch für die Art Erwerbstätigkeit, die Frauen in der bürgerlichen Gesellschaft zugestanden wurde. Denn eigentlich sollten Frauen gar nicht berufstätig sein; weibliche Arbeit war dem Haushalt und der Familie zugeordnet und als solche unbezahlt und unsichtbar. Es war darum auch normal,Frauen am Tag ihrer Heirat zu entlassen. Nur vor dem Hintergrund dieser gegenderten Arbeitsteilung mit ihrer impliziten Hierarchisierung ist die Stellung von Frauen in der Computergeschichte zu verstehen.

Arbeit, Macht, Technologie und Geschlecht sind auf unterschiedliche Weisen eng miteinander verschränkt. Technologische Entwicklung wurde immer wieder dazu eingesetzt, gewerkschaftlich organisierte Arbeiterschaft zu umgehen, um billige Arbeitskraft zu sichern – was die traditionelle Technologiefeindlichkeit der Arbeiterbewegung erklärt. Dieselbe Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung verwendete ihre Macht bis weit ins 20. Jahrhundert hinein aber auch darauf, Frauen vom Eintritt in etablierte Berufe auszuschliessen. Die Möglichkeiten zur Erwerbstätigkeit waren für Frauen darum immer an bestimmte Bereiche und Zeiträume gebunden, in denen es grossen Bedarf an Arbeitskraft gab, aber keine etablierte männliche Arbeiterschaft (was wiederum meist auch schlecht bezahlte Arbeit bedeutet). Dies ist der Fall in der Computerindustrie: von den Human Computer im 19. Jahrhundert über die Lochkarten-Codiererinnen zu den Mainframe-Programmiererinnen bis in die 1980er Jahre.

Besonders interessant ist ein Blick in die 1940er Jahre. Es waren die späten Kriegsjahre. Technologieentwicklung hatte für die Allierten allerhöchste Priorität und erhebliche staatliche finanzielle Mittel wurden in die Entwicklung von Computern gesteckt. Das ermöglichte ein Zeitfenster, in dem interessante und anspruchsvolle Arbeit für Frauen zugänglich war, die oft vorher als Human Computer gearbeitet hatten und über eine mathematische Ausbildung verfügten. Sie wurden für die Arbeit an den neuen Maschinen on-the-job ausgebildet, denn die Ingenieursstudiengänge waren für Frauen lange nicht zugänglich (die Computer Sciences als Feld entstanden erst in den 1960er Jahren).
Die gegenderte Arbeitsteilung blieb dabei intakt: Männliche Ingenieure bauten die Maschine, die damit zu berechnenden Aufgaben wurden von «Analysten» in logische Strukturen gebracht, die dann von den «Coder» in mathematische Berechnungen umgelegt wurden. Daran schloss die Arbeit der Frauen als sogenannte «Programmer» an: Sie übertrugen die mathematischen Berechnungen auf die damals noch raumfüllenden Rechenmaschinen. Am Electronic Numerical Integrator and Computer ENIAC – dem ersten programmierbaren und für allgemeine Zwecke einsetzbaren Computer – bedeute Programming das Verbinden von unzähligen logischen Schaltungen mittels Patch-Kabeln und das Einstellen der logischen Operationen auf Drehreglern. Die Frauen lernten die Bedienung des ENIAC aus seinen Schaltplänen und mussten selber herausfinden, wie seine Programmierung funktionieren könnte – niemand hatte das vorher getan. Hier wird ein weiterer Aspekt der gegenderten Arbeitsteilung sichtbar: die Aufteilung zwischen Produktion (von Maschine und Logik) und deren Anwendung.

Und dann geschah, was nicht vorgesehen war: Bei der Arbeit an den Rechenmaschinen machten Frauen wichtige Erfindungen. Die Erfahrung, dass Programme meistens nicht beim ersten Versuch richtig laufen, und dass Debuggen ein wichtiger Teil der Programmierarbeit ist, konnte nur in der Arbeit direkt an der Maschine gemacht werden. Für das Debugging entwickelte Betty Snyder am ENIAC das Konzept der Break-Points, die es erlauben den Zwischenzustand eines Programms an gewünschten Punkten auszugeben, um seinen Ablauf überprüfen und Fehler aufspüren zu können. Break Points gehören heute zum Standard-Repertoire von Programmierung. Ebenfalls am ENIAC erkannten Kay McNulty und Jean Jennings, dass sie die neuen Speichermodule verwenden konnten, um darauf immer wiederkehrende Programmschritte abzuspeichern, und sie entwickelten die Codes dafür. Der Anlass dafür war der kleine interne Speicher, der für die Berechnung von komplexen Flugbahnen manchmal nicht ausreichte. Die Abstraktion von Programming in Codierung ist die Geburtsstunde von Software, auch wenn es damals noch keinen Namen dafür gab. Diese Erfindungen können heute nicht gross genug eingeschätzt werden: Ohne Software gäbe es heute keinen PC, kein Internet, kein Google, Amazon, Facebook, Microsoft und Apple, keine künstliche Intelligenz, keine Blockchain etc. Und trotzdem waren die Erfinderinnen jahrzehntelang unbekannt – selbst dann noch, als die Tragweite der Erfindung von Software längst klar war. Warum?

Die bahnbrechenden Erfindungen wurden nicht in ihrer Wichtigkeit erkannt, weil sie nicht dort stattfanden, wo Genie und Erfindung erwartet wurde: bei den männlichen Ingenieuren. Sie fand statt in der kaum beachteten und geringeschätzten Praxis der Bedienung von Maschinen. Der ENIAC wurde der Öffentlichkeit 1946 vorgestellt mit einer Demonstration eines Programms, an dem die Frauen wochenlang gearbeitet hatten. Die Präsentation hielten die leitenden Ingenieure. Die Öffentlichkeit war begeistert, aber die Frauen wurden mit keinem Wort erwähnt.
Es ist die mit Wertung verbundene Teilung von Arbeit in Herstellung und Anwendung, welche die Leistungen der ENIAC Frauen unsichtbar gemacht hat. Diese Aufteilung folgt aus der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, die nicht nur den Zugang zu Tätigkeitsfeldern bestimmt, sondern auch die Möglichkeit von Leistungsanerkennung.

Wie ging es weiter? In den Nachkriegsjahren verbreiteten sich Computer schnell in der Verwaltung und Industrie. Software war noch kein eigenes Produkt und musste für jeden Einsatzbereich neu geschrieben werden. Dies bot Arbeit und gutes Einkommen für viele Frauen bis in die 1980er Jahre hinein, immer unter der schon bekannten gegenderten Arbeitsteilung. Aber auch hier gab es unerwartete Innovationen. Ein Beispiel ist die von Stephanie «Steve» Shirley 1962 in Grossbritannien gegründete erste Freelance-Programmierfirma. Der Grund für Freelancing war, dass den meisten Frauen noch immer zu ihrer Heirat gekündigt wurde. Freelancing ermöglichte es diesen Frauen, in einem Teilzeit-Pensum weiter tätig zu sein. Gleichzeitig konnte die Firma vom mitgebrachten Fachwissen der Frauen profitieren, das durch die Beschäftigungskonvention für die Industrie verloren ging: ein kontinuierlicher Brain Drain, der nicht durch rationale ökonomische Entscheidungen zu rechtfertigen ist. Steve Shirley, die unter einem männlichen Pseudonym arbeitete, um in der Branche ernst genommen zu werden, nutzte diese Situation aus. Sie verdiente ein Vermögen und bewies, dass auch in Teilzeitarbeit grosse Prestigeprojekte gestemmt werden können: So lieferte sie etwa den Code für das neue Überschallflugzeug Concorde.

Das Zeitalter der Mainframe-Systeme ging in den 80er Jahren zu Ende. Das Feld der Computer hatte sich schnell entwickelt: Neue Studiengänge in Computer Engineering wurden eingeführt, die anfängliche Vielfalt von Systemen konsolidierte sich, die Maschinen wurden kleiner, und Software wurde zu einem unabhängigen Produkt. Schliesslich kam der Personal Computer, der alles veränderte: Mit der Einführung des PC begannen die Zahlen der in der Computerindustrie beschäftigten Frauen zu sinken, ebenso in den Studiengängen. Der Grund liegt nicht in der Technologie – es war das «personal» in PC. Von Anfang an wurde der PC als Computer für zu Hause und für Männer und Jungs vermarktet. Obwohl die Arbeit zu Hause traditionell das Feld von Frauen darstellte, erledigten Computer keine Hausarbeit. So schien es schlicht unvorstellbar, dass sich Frauen und Mädchen für die neuen Geräte interessieren könnten. Das Bild vom Computer wandelte sich durch den PC von einer neutralen Arbeitsmaschine zu einem Gadget für Jungs. Das hatte massive Auswirkungen: Da Jungen schon in ihrer Jugend Zugang zu Computern hatten, wurde dieses Vorwissen in den Studiengängen bald vorausgesetzt. Es galt als Zeichen von Talent und Eignung und erschwerte den Einstieg von Newcomerinnen erheblich. Innert kürzester Zeit formierte sich die Vorstellung vom Programmierer als männlicher Nerd, der sich für nichts anderes interessiert und leicht soziopathische Züge aufweist. Dies konnte sich so schnell durchsetzen, weil Frauen in den Jahrzehnten davor kaum je ins Management befördert wurden und eben unsichtbar blieben. Männer stellten also weiterhin Männer ein, und diese «Bro-grammer» Culture ist bis heute geprägt von ihrer sexistischen (und rassistischen) Struktur. Dies zeigt sich auch in der von ihr hervorgebrachten Technologie, z.B. in den rassistischen Bias von Bilderkennungs-Algorithmen oder dem Unvermögen von Plattformen ihren User*innen effektive Tools für den Schutz vor Hassrede zur Verfügung zu stellen.

Es ist richtig und wichtig, die Leistungen von Frauen in Geschichte der Computertechnologie anzuerkennen und zu feiern. Noch wichtiger ist es, die Lektion der Perspektive zu verstehen und Technologie in ihrem gesamten sozio-kulturellen Umfeld zu erfassen. Auch wenn sich Frauen inzwischen eine selbstbestimmte Berufstätigkeit und den Zugang zur Berufsbildung erkämpft haben, hat sich die gesellschaftliche Aufteilung und damit verbundene Wertung von Arbeit nicht gross geändert. Dies zeigt sich exemplarisch in der Covid-19 Krise: Während die Covid-App erhebliche Aufmerksamkeit und institutionelle Unterstützung bekam, wurden die prekären Arbeitsbedingungen im Gesundheitswesen vergleichsweise wenig thematisiert, geschweige denn finanziell abgefedert. Die Verschränkung von Technologie, Macht, Gender und Arbeit zeigt sich nicht nur innerhalb von Technologie selber, sondern auch im Verhältnis von Technologie zu anderen Praxisfeldern.